Naturpädagogik

Leitgedanken

Sinneswahrnehmung
 

Als Grundlage des Lernens benötigen Kinder Sinneserfahrungen. Lernen heisst, die Welt zu begreifen. Für diese Erfahrung brauchen Kinder die Möglichkeit, selbstbestimmt zu handeln, auszuprobieren, zu staunen und zu forschen. Die Welt im Draussen ist dabei ideal, denn sie wirkt über alle Sinneskanäle auf das Kind ein. Es hört die Geräusche des Waldes, das Knistern der Glut, es spürt den Wind, die Kälte im Nacken, es riecht das Gras, den Rauch; es sieht die vielen Farben und Bewegungen der Natur und wie sie sich ständig verändert. Solche Erfahrungen werden für Kinder heute immer wichtiger, in einer Welt, die sich stetig mehr auf die zwei Kanäle des Sehens und Hörens unserer virtuellen Welt verengt.

Kinder suchen und schätzen in ihrem Spiel die ursprünglichsten aller Erfahrungen, nämlich den Umgang mit den Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde. Diese unmittelbaren Erfahrungen werden mit allen Sinnen aufgesaugt. Daraus bildet sich ihre Körperlichkeit und die Verbindung der Sinne mit der Seele. Dies lässt sie die Welt umfassend erfahren.

«Wollen wir erreichen, dass sich unsere Kinder in einer immer technisierteren Welt zurechtfinden, müssen wir dafür sorgen, dass sie sich erst einmal dort zuhause fühlen, wo sie die allermeiste Zeit ihr Habitat hatten: unter freiem Himmel.» (Malte Roeper)

Bewegung
 

Das Zusammenspiel der Sinne wird durch körperliche Aktivitäten gefördert. Bewegung ist die Verknüpfung der Aussenwelt mit der Innenwelt. Im intensiven Spiel des Kindes wird stets der ganze Körper beansprucht. Diese physische Erfahrung ist eine wichtige Verbindung zur Psyche. Im Wald sind die Möglichkeiten der Bewegung unerschöpflich – es kann je nach Entwicklungsstand gesprungen, gehüpft, balanciert, gekrabbelt, getanzt, gerauft und geklettert werden. Gleichzeitig darf auch geschrien, gesungen und gesprochen werden. Im «freien Raum» darf alles gleichzeitig nebeneinander stattfinden, denn es entsteht kein Lärmstress, wie es in geschlossenen Räumen schnell geschieht. Der Wald ist gleichzeitig  ideal, um auch Stille zu erleben und zu lauschen.

Freiheit
 

Die Welt im Freien bietet den Kindern ein grosses Mass an Freizügigkeit. Es gibt keine vorgefertigten Spielsachen und keine vorgegebene Spielkulisse. Dieser freie Raum wird von Kindern sehr geschätzt und den «richtigen» Spielplätzen oft vorgezogen. Kinder möchten in der Welt selbst wirksam sein, mit ihr zusammenstossen, um zu lernen. Dazu benötigen sie Ecken und Kanten, Hügel, Höhlen und Löcher. Kinder können in einem unstrukturierten, natürlichen Umfeld kreativer spielen als drinnen, denn alle Spielsachen werden selbst gemacht oder aufgetrieben, sei es mit den Händen oder in der Fantasie. So wird ein Stöckchen vom Zauberstab zum Elefantenrüssel zur Bohrmaschine etc. Diese individuelle Sinngebung und Entscheidungsfreiheit des Spiels fördern in höchstem Masse die Kreativität. Die Natur wird zum Lernort, sofern sie die Kinder im freien Spiel erleben dürfen und dabei Selbstwirksamkeit, Gestaltungskraft und Zugehörigkeit erfahren können.

Verbundenheit
 

Kinder bilden Banden, denn es vermittelt ihnen ein Gefühl von Zugehörigkeit und Verbundenheit. Die Gruppe wird dabei zum Erfahrungsfeld von Gruppendynamik, Rollenspiel und Freundschaft. Jedes Kind hat darin einen wichtigen und festen Platz und erfährt, was es heisst, seine Fähigkeiten miteinzubringen und die Gruppe damit zu beeinflussen. Dies fördert sowohl die Selbst-, wie auch die Sozialkompetenz.


Neben den Beziehungen zu den anderen Gruppenmitgliedern gibt es auch die zu Bäumen und Tieren, den Dingen und den Orten, zu den wiederkehrenden Abläufen, den Liedern, zu Stimmungen und Gerüchen, zu den Klangwelten und zur Stille.

 

Gesundheit
 

Die Waldluft und die erholsame Umgebung der Natur stärken die körperliche, wie auch die seelische Gesundheit, besonders das Immunsystem. Die Bewegung im Freien wirkt sich günstig auf Kinder aus, die sich leicht erkälten oder unter Allergien leiden. Die natürliche Umwelt fördert das Zusammenspiel von Körper, Geist, Seele, Denken, Handeln und Fühlen und ist somit ganzheitlich wirksam. Das Spielen draussen hat zu allen vier Jahreszeiten seinen Reiz; Kinder spüren die Wirkung von Kälte und Wärme, von Wind, Regen und Nässe. Sie erfahren, dass Bewegung gegen das Frieren hilft und dass die Wärme von Feuer und Sonne die Kleidung wieder trocknen kann.

 

Pädagogische Arbeit
 

Wiederkehrende Strukturen und Rituale geben den Kindern Sicherheit und Halt. Daher beginnen und enden wir den Waldtag mit einem Kreis und einem Begrüssungs- und Abschiedslied, das ich auf der Ukulele begleite. Festgelegte Plätze fürs Znüni oder Pausen geben eine weitere, feste Struktur. Um die Kinder aber in ihrem selbstbestimmten Lernen zu fördern, gehört viel Zeit dem freien Spiel, wo wir ihre Impulse und Ideen aufnehmen und sie ermuntern, bei ihren Entdeckungen zu verweilen.

In altersdurchmischten Gruppen entstehen wunderbare Lernmöglichkeiten, da die Kinder unterschiedliche Rollen ausprobieren können – vom neugierigen Nachahmen der Grossen bis zur Vorbildfunktion für die Jüngeren. Es soll jedoch auch immer die Möglichkeit bestehen, sich im freien Spiel aus der Gruppe zurückzuziehen und Ruhe zu finden.

Durch klar definierte Grenzen und Regeln wird der Rahmen für eigenverantwortliches Handeln gegeben. Die Gründe werden den Kindern transparent und verständlich erklärt. Dadurch trauen wir den Kindern auch zu, unter der nötigen Begleitung, anspruchsvolle Tätigkeiten wie Schnitzen, Feuer machen oder Klettern auszuführen (je nach Alter).

Unsere Grundhaltung der ganzheitlichen Pädagogik geht davon aus, dass jeder Mensch eine ihm innewohnende Weisheit hat. Diese innere Kraft, die jeden Menschen in seiner Entwicklung leitet, gilt es «freizulegen» bzw. bei kleinen Kindern, die von dieser Kraft noch geleitet sind, nicht zu stören. Dabei ist es uns wichtig, die Kreativität, Interessen und Stärken des Kindes zu erkennen und das Eigene in ihm respektvoll zu achten und zu fördern.

Literatur:

- Hutta Gruber/ Detlev Vogel; Achtsamkeit für Selbstwirksamkeit, Resilienz und Partizipation, 2020

- Herbert Renz-Polster/ Gerald Hüther; Wie Kinder heute wachsen Natur als Entwicklungsraum, 2013

- Richard Louv; Das letzte Kind im Wald, 2011

- Malte Roeper; Kinder raus! Zurück zur Natur: artgerechtes Leben für den kleinen Homo sapiens, 2011

- Regina Michael-Hagendorn/ Katharina Freiesleben; Kinder unterm Blätterdach, 2003